Daniela Dehne, stellvertretende Schulleiterin der Ganztagsgrundschule Sodenmatt, berichtet im Interview, warum ihre Schule am Bremer Pilotprojekt zur Arbeitszeiterfassung teilnimmt und welche Chancen sie für Transparenz, Entlastung und Schulentwicklung sieht.
Frau Dehne, die Ganztagsgrundschule Sodenmatt gehört zu den Pilotschulen, die in Bremen das Pilotprojekt der Arbeitszeiterfassung von Lehrkräften vorbereiten. Warum hat Ihre Schule entschieden, am Pilotversuch zur Arbeitszeiterfassung teilzunehmen?
Wir haben uns für eine Beteiligung entschieden, weil es uns wichtig war, ein System zu entwickeln, das den schulischen Alltag wirklich abbildet und für mehr Transparenz sorgt.
Wir sind eine junge Schule in Bremen-Huchting, wurden im Schuljahr 2020/2021 gegründet. Der veränderte Umgang mit Arbeitszeit war von Anfang an Teil unseres Konzepts. Mich persönlich begleitet das Thema Arbeitszeit bereits seit meinem Dienstantritt vor fast 20 Jahren. Ich habe in all meinen Berufsjahren erlebt, dass sich eine veränderte Betrachtung von Arbeitszeit an Schule positiv auf die Entwicklung dieser Schule auswirkt. Aufgaben, die neben dem Unterricht zu leisten sind, werden sichtbarer. Und so wird deutlich, dass diese Aufgaben Zeit und neue Strukturen brauchen. Diese Erfahrungen wollte ich in den Prozess einbringen. Zum anderen war unser Kollegium durch verschiedene Gründe bereits für dieses Thema sensibilisiert: Wir waren im Frühjahr an der Discovery Week von Untis beteiligt, in der die App zur Arbeitszeiterfassung ein erstes Mal präsentiert und weiterentwickelt wurde.
Was bedeutet die Einführung der Zeiterfassung für Sie persönlich?
Im Moment bedeutet die Einführung der Zeiterfassung eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema, die viel Arbeitszeit in Anspruch nimmt. Seit Oktober 2023 nehme ich teil an der Werkstatt „Freiräume(n)“ der Deutschen Telekom Stiftung. Vertreter:innen von insgesamt 13 Schulen aus ganz Deutschland kommen hier zusammen, um sich dem Thema Neuorganisation der Lehrkräftearbeitszeit zu widmen. Auch das Bremer Pilotprojekt wird von der Deutschen Telekom Stiftung begleitet und mittelfristig sollen die Ergebnisse der Werkstatt in das Bremer Projekt einfließen.
Darüber hinaus arbeite ich in Bremen mit der Projektgruppe an der Umsetzung der Arbeitszeiterfassung. Die Aufgabe der Projektgruppe ist es, ein System zu entwickeln, das die Gesetze einhält, den Arbeitsschutz gewährleistet und dabei trotzdem eine größtmögliche Flexibilität bewahrt. Eine Herkulesaufgabe! Aber es ist gut, dass diese endlich angegangen wird!
Sie sind stellvertretende Schulleiterin, wie haben Sie das Kollegium bisher auf die Pilotphase vorbereitet?
Ich habe die Kolleg:innen von vornherein in die Projektphasen eingebunden und sie aktiv an den einzelnen Schritten beteiligt. Anfang Februar haben Vertreter:innen unseres Kollegiums an der Discovery Week von Untis teilgenommen. Zurzeit wird dieses Tool zur Erfassung der Arbeitszeit in einer Vorpilotierung von wenigen, freiwilligen Kolleg:innen getestet. Dabei haben sie die Möglichkeit, Rückmeldungen über Probleme an die App Entwickler zu geben, damit diese die App immer feiner weiterentwickeln können. Diese Phase ist wichtig, damit es ab dem 01.08.2026 auch wirklich umsetzbar ist.
Darüber hinaus informiere ich das Kollegium regelmäßig über die Arbeitsergebnisse der Projektgruppe beim Senator für Kinder und Bildung und hole Rückmeldungen und Anregungen ein, die ich wiederrum in die Arbeit der Projektgruppe einfließen lasse. Das Thema der Arbeitszeiterfassung ist hochkomplex und wird einige Veränderungen mit sich bringen. Da ist eine gute, Transparenz schaffende Kommunikation wichtig. Und ich hoffe, dass mir das auch wirklich gelingt.
Gibt es Vorbehalte im Kollegium – und wie gehen Sie damit um?
In den Gesprächen mit meinem Kollegium nehme ich eher wenig Vorbehalte wahr. Die Kolleg:innen erkennen an, dass die Arbeitszeiterfassung notwendig ist, um Transparenz zu schaffen und Leistung sichtbar zu machen. Im Deputatsmodell ist ausschließlich der Unterricht sichtbar. Die übrigen Aufgaben werden in dem althergebrachten Modell nicht abgebildet. Mit der Einführung der Arbeitszeiterfassung geht die Umstellung auf ein Jahresarbeitszeitmodell einher, das sich aus Zeit für Unterricht und Zeit für andere Tätigkeiten zusammensetzt. Es wird nicht nur der Unterricht erfasst, sondern auch alle anderen Tätigkeiten, wie z.B. Unterrichtsvor- und Nachbereitung, Teamarbeit, Elternarbeit und Verwaltungsarbeit.
Ein Punkt stößt jedoch bei manchen Kolleg:innen auf Verwunderung bzw. sogar auf Verärgerung: Es wird nicht möglich sein, die Arbeitszeit 24/7 zu erfassen. Dadurch, dass der Arbeitsschutz eingehalten werden muss, muss das System so gestaltet sein, dass die Kolleg:innen die gesetzlichen Ruhezeiten einhalten müssen. Ein realistisches Bild der Nutzung von Arbeitszeit lässt sich so jedoch in vielen Fällen nicht zeigen. Viele Beschäftigte arbeiten abends, weil sie sich am Nachmittag um ihre Kinder kümmern müssen. Das geht oftmals nicht mit dem Arbeitsschutz einher und das wird zukünftig ein Problem, das es zu lösen gilt.
Wie passt die digitale Zeiterfassung in die ohnehin hohe Arbeitsbelastung der Schulleitung?
So wie der Schulalltag derzeit aussieht, ist es gar nicht zu leisten, die Verwendung der Arbeitszeit regelmäßig zu betrachten. Es geht auch nicht darum, dass die Kolleg:innen kontrolliert werden sollen. Vielmehr helfen mir mögliche Erkenntnisse aus der Erfassung der Arbeitszeit, die Arbeitsprozesse an meiner Schule besser zu steuern, um mehr Entlastung für alle zu schaffen. Durch die Arbeitszeiterfassung kann ich Belastungsspitzen im Schuljahr besser erkennen und den Jahresverlauf entsprechend gestalten. Kenntnisse über die Verteilung von Arbeitszeit helfen mir, Aufgaben so zu verteilen, dass die Arbeitslast noch besser verteilt ist. Ich kann Strukturen schaffen, die Kooperation ermöglichen und sich positiv auf die Schul- und Unterrichtsentwicklung, aber auch auf die Arbeitslast eines jeden Einzelnen auswirken. Voraussetzung dafür ist, dass ich Einblick erhalte in die gesammelten Daten. Ob dies letztendlich passiert und in welchem Umfang, ist noch nicht geklärt.
Was passiert aktuell an Ihrer Schule?
Durch unseren veränderten Umgang mit Arbeitszeit ist ein Großteil unseres Kollegiums sensibilisiert und interessiert an diesem Prozess. Aktuell gibt es zwei Kolleginnen, die ihre Arbeitszeit bereits mit der App aufzeichnen. Wir geben Rückmeldungen an die Entwickler der App, so dass diese weiterentwickelt werden kann. Außerdem informiere ich die Kolleg:innen regelmäßig über die aktuellen Gesprächsthemen der Projektgruppe.
Welche nächsten Schritte stehen in der Pilotphase 2026/27 an?
In einer ersten Arbeitsphase haben wir in Arbeitsgruppen ein vorläufiges Grundlagenpapier zu den gesetzlichen Regelungen entworfen. Im Januar starten wir in eine Workshopphase. Diese wird begleitet von der Deutschen Telekom Stiftung. In dieser Workshopphase beschäftigen wir uns mit zentralen Fragestellungen und erarbeiten auf Basis des Grundlagenpapiers eine neue Dienstvereinbarung zur Arbeitszeiterfassung im Land Bremen.
Welche Aspekte des Schulalltags sind Ihnen besonders wichtig, damit das System realitätsnah abbildet, was Lehrkräfte leisten?
Mir ist besonders wichtig, dass die verschiedenen Tätigkeiten sichtbar werden, die neben dem Unterricht stattfinden. Dieser Arbeitsbereich ist in den letzten Jahren enorm gewachsen. Ich erhoffe mir Transparenz und Sichtbarkeit und Erkenntnisse, die mir die Steuerung von Arbeitsprozessen erleichtern. Außerdem erhoffe ich mir, dass deutlich wird, dass die Aufgabenlast zu groß ist und dass die Arbeitszeiterfassung hier mittelfristig eine Umstrukturierung herbeiführt.
Welche Veränderungen erwarten Sie für die Organisation von Schule und Unterricht?
In der Arbeitszeiterfassung steckt die Chance, Kooperationszeiten zu etablieren, Arbeitsschwerpunkte zu gestalten und dies konstruktiv für die Schul- und Unterrichtsentwicklung zu nutzen.
Kann die Zeiterfassung helfen, langfristig Überlastung zu vermeiden und Unterrichtsausfall vorzubeugen?
Allein durch die Umsetzung der Arbeitszeiterfassung werden wir das System nicht heilen können. Aus meiner Sicht müssen die Aufgaben reduziert und die personellen Ressourcen erhöht werden, um diese Ziele zu erreichen.
Welchen Nutzen sehen Sie für Eltern und Schüler:innen?
Wenn es gelingt, den Arbeits- und Gesundheitsschutz einzuhalten, kann die Arbeitszeiterfassung zu einer verringerten Belastung führen. Dies wäre positiv für die Gesundheit der Mitarbeitenden, so dass weniger Unterricht ausfallen würde. Das wird aber nicht von Beginn an zu spüren sein.
Welche Hoffnungen verbinden Sie mit dem Projekt in Bezug auf faire Arbeitsbedingungen?
Ich hoffe, dass der Arbeits- und Gesundheitsschutz durch die Arbeitszeiterfassung auch wirklich eingehalten werden kann und dass die Kolleg:innen dies als Gewinn sehen.
Daniela Dehne
Stellvertretende Schulleiterin
Freie Hansestadt Bremen
Ganztagsgrundschule Sodenmatt
Willakedamm 8a
28259 Bremen
E-Mail: 126@schulverwaltung.bremen.de