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Arbeitszeiterfassung an Schulen: Bremer Pilotprojekt zeigt Belastungen im Schulalltag auf

Nach einem Jahr Vorbereitung startet Bremen ab August 2026 als erstes Bundesland einen echten Praxistest zur digitalen Arbeitszeiterfassung für Lehrkräfte. An neun Schulen in Bremen und Bremerhaven wird künftig nicht nur Unterricht dokumentiert, sondern auch der bisher „unsichtbare“ Teil der Aufgaben: Vorbereitung, Korrekturen, Kommunikation mit den Eltern, individuelle Förderung, Integration, Pausenaufsichten und vieles mehr. Das Unterrichtsdeputat bleibt bestehen, erstmals wird aber sichtbar, wie viel und welche Arbeit darüber hinaus für Lehrkräfte anfällt. Das wirkt sich auf den Arbeitsschutz aus.

Der Kinder- und Bildungssenator Mark Rackles betonte bei der Pressekonferenz am heutigen Montag (15. Juni) im Schulzentrum Grenzstraße, einer der Pilotschulen: „Im internationalen Vergleich übernehmen Lehrkräfte in Deutschland besonders viele nichtpädagogische Aufgaben – von IT und Verwaltung bis zu Aufsichten. Das erhöht Arbeitsbelastung und Druck, verbessert aber nicht den Unterricht. Unser Pilot will die reale Arbeitszeit und damit auch die reale Belastungsverteilung des pädagogischen Personals an Schulen sichtbar machen. Im Anschluss wird 2027 zu entscheiden sein, wie wir Belastungsfaktoren senken können und mehr Zeit für gute Bildung und bessere Lernergebnisse für Kinder und Jugendliche gewährleisten.“

Das Bremer Pilotprojekt findet bundesweit Beachtung. Ergebnisse berichtet der SKB regelmäßig an interessierte Bundesländer. Ziel ist es, ihnen Einblicke in die örtlichen Prozesse zu gewähren.

Begleitet wird das Projekt von der Deutsche Telekom Stiftung, die Erfahrungen und Erkenntnisse aus ihrem eigenen Vorhaben „Freiräume(n)“ einbringt. Darin arbeitet die Stiftung bereits seit 2024 mit einem bundesweiten Schulnetzwerk an konkreten Ideen für eine veränderte Organisation der Lehrkräftearbeitszeit. Unter anderem entwickelten die Schulen ein Tätigkeitenmodell weiter, das die verschiedenen Aufgaben von Lehrkräften systematisch darstellt und mit Zeitanteilen versieht. Darüber hinaus entstand bei "Freiräume(n)" ein Kartenset, das Schulleitungen als Leitfaden für die Planung und Durchführung von Arbeitszeitgesprächen mit ihren Lehrkräften dienen soll. Beide Produkte kommen nun im Bremer Pilotprojekt zur Anwendung. An „Freiräume(n)“ beteiligt sind auch die Bremer Grundschulen Sodenmatt und Borchshöhe sowie die Oberschule an der Lerchenstraße.

Jacob Chammon, Geschäftsführer der Telekom-Stiftung, sagte bei der Pressekonferenz: „Lehrkräfte tragen das Bildungssystem mit enormem Engagement, das oft weit über die tariflichen Bestimmungen hinausgeht. Es ist höchste Zeit, dass dieses Engagement auch strukturell abgesichert wird. Die Einführung einer Arbeitszeiterfassung ist dabei kein Selbstzweck, sondern ein wichtiger Schritt, um die Arbeitsorganisation an Schule und damit auch das Lernen wirklich zu verändern und pädagogisch voranzubringen. Unsere ‚Freiräume(n)‘-Schulen haben hier schon viele gute Ansätze entwickelt, von denen Bremen im laufenden Prozess profitieren kann.“

Wie lässt sich reale Arbeitszeit einfach und praxistauglich erfassen? Bremen setzt auf eine bedienerfreundliche, digitale Lösung, die gemeinsam mit dem Softwareunternehmen Untis entwickelt wurde. Besonderes Augenmerk galt der Barrierefreiheit: Die Schwerbehindertenvertretung war wie andere Mitbestimmungsgremien von Beginn an eng in den Prozess eingebunden.
Einen Einblick in das Tool gibt Christian Gruber, Geschäftsführer des Unternehmens. Er hob hervor: „Arbeitszeiterfassung muss nicht kompliziert sein – sie muss einfach funktionieren. Mit Untis Arbeitszeit haben wir eine gesetzeskonforme, barrierefreie Lösung entwickelt, die intuitiv bedienbar ist und sich flexibel in den Arbeitsalltag einfügt.“

An den neun Projektschulen bleibt der Schulalltag ab Sommer grundsätzlich derselbe. Neu ist, dass Aufgaben wie Elternabende und deren Vor- und Nachbereitung digital erfasst und dadurch sichtbar gemacht werden. Somit lässt sich genauer nachvollziehen, wann und wie lange gearbeitet wird. Ruhezeiten, Pausen und die Arbeitsbelastung geraten stärker in den Fokus. Freizeitausgleich und Arbeitszeitkorrekturen lassen sich so verlässlicher organisieren.

Langfristig sind die Erkenntnisse des Projekts dazu gedacht, anderen Bundesländern Orientierung zu geben und konkrete Schritte für eine gesündere und gerechtere Arbeitswelt an Schulen zu ermöglichen.

Zum Hintergrund: In Deutschland besteht bereits eine rechtliche Pflicht zur Arbeitszeiterfassung: Arbeitgeber*innen sind nach § 3 Abs. 2 Nr. 1 des Arbeitsschutzgesetzes (ArbSchG) verpflichtet, ein System einzuführen, mit dem die geleistete Arbeitszeit von Arbeitnehmer*innen erfasst werden kann.